Der Briefkastenwald,
wenn die Adresse wichtiger ist als das Impressum
Vier Portale, die wie unabhängige Helfer wirken. Vier Impressumseiten, die auf den zweiten Blick verwandt klingen. Was ich mache, wenn mir ein Name auffällt, ist nicht schliessen, sondern nachblättern. Und beim Blättern stösst man auf eine Anordnung, die ich den Briefkastenwald nenne.
Es beginnt immer mit einer Adresse. Ich lese Impressumseiten, wie andere Wetterkarten lesen, und das Erste, worauf mein Auge springt, ist die Anschrift. Strasse, Hausnummer, Postleitzahl, Stadt. Banal, oder? Gar nicht. Eine Adresse ist der Punkt, an dem ein Anbieter aufhört, nur eine Website zu sein, und anfängt, ein Ort zu werden. Und Orte haben Nachbarn.
Wenn ich vier Verbraucherportale nebeneinanderlege, die alle dasselbe Versprechen tragen, dieselbe Sprache sprechen, dieselben Conversion-Ticker einsetzen, dann prüfe ich nicht zuerst, wer recht hat. Ich prüfe, ob sie zufällig dieselbe Adresse haben. Und wenn ja, was das heisst. Das ist keine Anschuldigung. Das ist Methode.
Warum ich Impressumseiten lese wie andere Serien schauen
Ich gebe es zu: ein Impressum ist für mich spannender als ein Kriminalroman. Da steht schwarz auf weiss, wer haftet, wer zeichnet, in welcher Rechtsform ein Anbieter auftritt, und vor allem, ob es sich um eine Kanzlei handelt oder um ein Markenunternehmen mit Anwaltskooperation. Dieser Unterschied ist für Verbraucher entscheidend, und er wird fast nie auf der Startseite erklärt.
Eine Kanzlei haftet mit ihrem Namen, ihrer Zulassung, ihrer Berufshaftpflicht. Ein Markenunternehmen haftet mit einer Gesellschaft, oft einer jungen UG oder GmbH, und vermittelt die eigentliche Rechtsleistung an Partneranwälte weiter. Beides darf sein. Aber wer „Rechtsschutz“ sucht und ein Markenprodukt bekommt, sollte das wissen, bevor er unterschreibt. Deshalb blättere ich bis zur Frage, wer genau hinter der Marke steht, und wie viele Marken derselbe Stamm trägt.
Eine Adresse, viele Namen
Irgendwann lege ich die Impressumseiten der vier Portale, die ich im ersten Dossier beschrieben habe, nebeneinander. Und dann passiert das, was in meinem Beruf passiert, wenn man lange genug nebeneinanderlegt: es kristallisiert sich etwas. Dasselbe Postfach, dieselbe Hausnummer, ein Geschäftsführer, der auf zwei Seiten auftaucht, eine UG, die der GmbH vorgeschaltet ist, die wiederum hinter der Marke steht.
Das ist an sich nichts Verbotenes. GmbH und UG dürfen verschachtelt sein, Marken dürfen einer Holding gehören, Geschäftsführer dürfen mehrere Gesellschaften führen. Das Handelsregister erlaubt das aus gutem Grund, denn es schützt Haftung und Investition. Das Register ist aber auch die Stelle, an der das Geflecht sichtbar wird. Wer nie hinschaut, sieht vier Helfer. Wer hinschaut, sieht vier Türen desselben Hauses.

Ein Impressum nennt den Namen.
Das Register nennt die Verwandtschaft.
Die drei Stämme, die mir aufgefallen sind
Ich habe im ersten Dossier die drei Brüder genannt, deren Namen mir bei den vier Portalen immer wieder begegnet sind. Hier geht es mir nicht um die Personen, sondern um die Form, in der sie auftreten: nicht als Anwälte mit Kanzleischild, sondern als Gesellschafter und Geschäftsführer hinter Marken. Das ist ein anderer Beruf, ein anderes Haftungsregime, ein anderes Versprechen. Und das interessiert mich mehr als die Frage, ob das schlau ist. Es ist schlau. Mich interessiert, ob es für den Kunden sichtbar ist.
Marken statt Kanzleien, das ist die grammatische Verschiebung, die mich nicht loslässt. Eine Kanzlei verkauft Beratung, eine Marke verkauft Abonnements. Eine Kanzlei rechnet pro Fall, eine Marke rechnet pro Monat. Wenn vier Helfer-Portale, die nach Kanzlei aussehen, in Wahrheit Marken sind, die monatliche Abbuchung vorsehen, dann hat sich im Hintergrund das Geschäftsmodell verschoben, ohne dass sich die Front verändert hätte. Die Front sagt „Hilfe“. Die Back schreibt „Abo“. Und der Wald dazwischen ist das Impressum, das die Verbindung nicht nennt, weil es sie nicht nennen muss.
Was ein sauberes Impressum für mich bedeutet
Ein Impressum ist nur dann mehr als Pflicht, wenn es die Verbindung nennt, die es nicht nennen muss. Wer vier Marken aus einem Haus betreibt und das offenlegt, bekommt mein Vertrauen nicht gratis, aber meine Anerkennung. Wer vier Marken betreibt und jede so präsentiert, als sei sie allein auf der Welt, der zwingt mich, im Register nachzuschauen, um zu erfahren, was er längst weiss. Und das ist der Punkt, an dem aus einer Formfrage eine Transparenzfrage wird.
Ich will nicht, dass Portale ihre Strukturen reklamieren. Ich will, dass sie sie nicht verschweigen. Der Unterschied ist klein und entscheidend. Verschwiegen wird ein Zusammenhang, der für den Kunden relevant ist. Reklamiert wird ein Zusammenhang, der dem Anbieter nützt. Beides ist Information. Nur eines ist ehrlich.
Fragen, die ich mir beim Lesen stelle
- Stehen mehrere Portale, die mich interessieren, unter derselben Anschrift, und falls ja, wird das irgendwo auf den Websites offen ausgewiesen?
- Handelt es sich um eine Kanzlei mit eigener Zulassung oder um eine Marke, die Rechtsleistung an Partneranwälte weitergibt, und wird dieser Unterschied auf der Startseite klar?
- Tauchen dieselben Namen als Geschäftsführer oder Gesellschafter bei mehreren Gesellschaften auf, und wie aktuell ist der Registerstand?
- Ist die angebotene Leistung einmalig und fallbezogen, oder mündet sie in einem monatlichen Abonnement, und wie offen steht das im Prozess?
- Wenn ich eine Adresse nachschlage, finde ich eine Betriebsstätte oder ein Postfach, und was sagt mir das über die Nähe zwischen Anbieter und Leistung?
Was am Ende des Abends von der Sache bleibt
Ich habe keine Beweise dafür, dass irgendjemand gegen Impressumspflichten oder Handelsregisterpflichten verstösst. Was ich habe, ist eine Häufung, die man sieht, wenn man vier Impressumseiten und vier Registereinträge nebeneinanderlegt. Und eine Häufung ist noch kein Urteil. Es ist aber auch kein Zufall.
Wer im Wald steht, sieht Bäume. Wer das Register liest, sieht Stämme. Und wer beides zusammenführt, merkt, dass die Fläche, die von aussen so gleichmässig wirkt, aus sehr wenigen Wurzeln gespeist wird. Das ist, so unspektakulär es klingt, mein Beruf: Wurzeln sichtbar machen, ohne sie freizulegen. Diesmal halte ich das Ergebnis als Methode fest, nicht als Anklage.
Mein Rat, wie immer unspektakulär: Wer ein Portal nutzt, liest das Impressum, hält die angegebene Adresse gegen das Handelsregister und prüft, ob der Helfer am Telefon für die Marke steht, die im Impressum genannt ist, oder für eine Gesellschaft, die dort nicht auftaucht. Wer den Eindruck hat, dass Front und Back nicht zusammenpassen, fragt nach. Und wer keine Antwort bekommt, geht.